Im Jahr 2019 habe ich in meinem Beitrag „Sozialismus 2.0“ erstmals die Idee einer Rente ab 18 formuliert. Gemeint war ausdrücklich keine klassische Sozialleistung, sondern eine Beteiligung aller Bürgerinnen und Bürger an der kapitalbasierten Wertschöpfung moderner Volkswirtschaften. Der damalige Text war bewusst programmatisch. Der vorliegende Essay widmet sich nun der entscheidenden Anschlussfrage: Ist ein solches Modell realistisch finanzierbar – und wenn ja, unter welchen ökonomischen Bedingungen?
Zusammenfassung:
- Standardisierung, Automatisierung, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verschieben die Wertschöpfung weg vom Faktor Arbeit hin zum Faktor Kapital. Will man für die breite Bevölkerung eine Teilhabe an den enormen Produktivitätsgewinnen, muss man sie am Kapital beteiligen
- Ein Sovereign Wealth Fund aus nicht-stimmberechtigten Unternehmensanteilen könnte eine über das Leben ansteigende Rente ab 18 finanzieren und ist makroökonomisch tragfähig
- Jedes Unternehmen – unabhängig von Rechtsform oder Kapitalintensität – gibt jedes Jahr 1 % neue Kapitalanteile aus.
- Diese Anteile sind nicht stimmberechtigt, aber voll gewinnberechtigt.
- Dieser Prozess läuft, bis insgesamt 33 % zusätzliche Anteile geschaffen wurden, also über 33 Jahre.
Da sich die Gesamtzahl der Anteile erhöht, entspricht dies ökonomisch einem Fund, der langfristig rund ein Viertel des gesamten Produktivkapitals eines Landes besitzt – ohne unternehmerische Kontrolle zu übernehmen. Neu gegründete Unternehmen stellen dabei aus Gründen der Gleichbehandlung von Beginn an den jeweils zum Gründungszeitpunkt geltenden Prozentsatz ihrer Anteile dem Sovereign Wealth Fund zur Verfügung.
Verwendung der Erträge: eine Kapitalrente ab 18
Die laufenden Gewinne des Sovereign Wealth Funds werden direkt an die Bevölkerung ausgeschüttet – in Form einer altersabhängigen Kapitalrente, beginnend mit einem Zustupf ab dem 18. Lebensjahr und mit dem Alter steigend. Ziel ist keine Vollversorgung, sondern eine verlässliche finanzielle Basis für alle.
Beispielhafte Zielwerte für die Schweiz könnten sein:
- mit 18 Jahren: 250 CHF, ein von da an stetig steigender Beitrag zum Lebensunterhalt,
- bis im 50sten Lebensjahr die vollen 2500 CHF erreicht sind.
Diese Werte passen sich über die Zeit analog der Entwicklung des Kapitalstocks im Sovereign Wealth Fund an.
Reicht ein Viertel des Produktivkapitals?
Entscheidend ist nicht der bilanzielle Kapitalstock, sondern der jährliche Kapitalertrag, also jener Teil des Volkseinkommens, der nicht als Lohn, sondern als Gewinne, Dividenden, Zinsen und unternehmerische Überschüsse anfällt.
In entwickelten Volkswirtschaften liegt der Kapitalanteil am Volkseinkommen langfristig typischerweise bei rund 30–40 %. Diese Grössenordnung ist international gut belegt und relativ stabil über die Zeit.
Für die Schweiz liegt dieser Anteil eher im oberen Bereich dieser Spanne. Aus den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (hoher Unternehmensüberschuss, starker Finanz- und Pharmasektor, kapitalintensive Exportindustrie) ergibt sich ein Kapitalanteil von rund 34–36 % des Volkseinkommens. Für eine vorsichtige Rechnung wird im Folgenden konservativ mit 33 % gearbeitet.
Damit ergibt sich für die Schweiz:
- Bruttoinlandprodukt (BIP): ca. 900 Mrd. CHF
- Kapitalertrag (≈ 33 %): ca. 300 Mrd. CHF pro Jahr
- Anteil des Sovereign Wealth Funds (≈ 25 %): ca. 75 Mrd. CHF pro Jahr
Dem gegenüber steht – bei einer Kapitalrente, die bei 250 CHF pro Monat mit 18 Jahren beginnt und linear auf 2’500 CHF pro Monat mit 50 Jahren ansteigt – ein jährlicher Finanzierungsbedarf von rund 74 Mrd. CHF.
Das Modell ist für die Schweiz damit vollumfänglich finanzierbar.
Warum dieses Modell besser ist als ein steuerfinanziertes Grundeinkommen
Das hier dargestellte Beteiligungsmodell setzt hingegen direkt beim Faktor Kapital an. Die grossen Erträge der Zukunft entstehen genau dort – nicht bei Arbeitseinkommen. Entsprechend wird nicht laufend Arbeit besteuert, sondern Kapital einmalig über einen klar definierten Zeitraum in gesellschaftliches Miteigentum überführt.

